Femundmarka

Vier- und zweibeinige Athleten

Der Winter in Oslo war mal wieder schneearm, viel zu warm und kurz – lediglich Anfang Januar gab es zwei Wochen mit knackiger Kälte um -15°. Anfang Februar aber hatten wir dennoch ein Winter-Erlebnis der besonderen Art! In Røros findet jedes Jahr das teilnehmermässig grösste Schlittenhunderennen Skandinaviens statt, der Femundløpet. Um wenigstens ein bischen “tiefen Winter” zu erleben beschlossen wir spontan, dieses Rennen zu besuchen. Røros kannten wir bereits von früheren Aufenthalten. Die Stadt, genauer die Altstadt und die vollstaendig erhaltene mittelalterliche Kupfermine, gehört zum UNESCO Weltkulturerbe. Da wir natürlich wie immer auf den letzten Drücker buchen wollten, waren die Hütten in der Umgebung bereits alle ausgebucht. Also entschlossen wir uns, ein traditionsreiches Hotel aufzusuchen, das Værtshuset. Das liegt mitten in der Altstadt und unmittelbar an der Rennstrecke, versprach also spannend zu werden.

Bereits bei unserer Ankunft mit dem Nachmittagszug war die Stadt von Hundegebell geprägt. Es hatten sich immerhin 180 Gespanne mit zusammen 1600 Hunden für die Rennen angemeldet. Rund um das Hotel waren Huskies und Malamuten angeleint, aus jedem Anhänger lugten gespannte Augenpaare hervor. In Abständen begann irgendwo ein Hund zu heulen, worauf ein vielstimmiger Chor einsetzte und eine ganze Weile anhielt. Kurz, Røros war fest in der Hand von Malamuten, Sibirien und American Huskies und noch einigen exotischeren Zughunden.

Der Femundløpet wird in drei Klassen ausgetragen: Die Langstrecke geht über eine Distanz von 600 km, mit Gespannen von 12 Hunden. Die Kurzstrecke ist immerhin 400 km lang, die Gespanne haben 8 Hunde. Die Jugenddistanz beträgt 200 km und wird mit 6 Hunden gelaufen. Unterwegs gibt es Checkpoints, an denen alle Gespanne tierärztlich untersucht und gegebenenfalls kranke oder erschöpfte Hunde aus dem Rennen genommen werden. An einigen der Checkpoints kann der Musher (der Fahrer) anschliessend sofort weiterfahren, an anderen muss er eine Zwangspause von einigen Stunden einlegen. Das Rennen führt ansonsten durch menschenleeres Gebiet und über weite Strecken auf zugefrorenen Seen entlang, bevor die Fahrer nach 25h (Jugend) bis 5 Tagen (600 km) wieder in Røros im Ziel ankommen. Auch wenn Norwegen nicht Alaska und die Femundmarka nicht der Yukon ist, das Wetter diktiert den Ablauf der Rennen. Im Jahr 2015 musste der Femundlopet wegen Schneesturm abgebrochen werden, dazu weiter unten mehr.

Am Freitag morgen befand sich die Stadt im Ausnahmezustand. Die Rennstrecke verläuft direkt mitten durch die Altstadt, auf der Hauptstrasse und durch das Gelände der Mine hindurch aus der Stadt heraus. Bereits einige Stunden vor dem Start wurden die Hunde angeschirrt. Der Lärm war ohrenbetäubend. Jeder einzelne Hund hatte die ganz grosse Befürchtung, dass er und nur er als einziger nicht mitdurfte, und das teilte er auch lautstark jedem mit, der in die Nähe kam. Endlich waren alle Hunde sortiert (na ja…) und die Gespanne stellten sich an der Startline auf, wo sie im Abstand von 1 Minute auf die von tausenden Schaulustigen gesäumte Strecke geschickt wurden. Es war ein unglaubliches Spektakel. Die Hunde wussten was das herunterzählen der Sekunden vor dem Start zu bedeuten hatte und rannten die letzten Sekunden quasi schon im Leerlauf, bevor der Musher den Anker (!) löste und der Schlitten davon schoss. Man muss das gesehen haben, in Worten ist es kaum zu beschreiben. Daher folgt jetzt erstmal eine Bildergalerie vom Start und den ersten Metern der Strecke. Ganz am Ende dieses Posts gibt es auch ein paar Links zu unseren Videos.

Nachdem alle Starter die Stadt verlassen hatten wurde es beinahe unwirklich still. Das Hundegebell war verstummt und die Helfer (jeder Schlittenhundeführer benötigt mehrere Helfer oder “dog handler”) hatten sich zum Aufwärmen in die zahlreichen Kaffees zurückgezogen. Es begann die lange Zeit des Wartens bis zum Zieleinlauf. Als erste wurden am Samstag Abend die Jugendlichen erwartet, während die Teilnehmer der Langstrecke erst Montag abend ankommen sollten. Wir nutzten den Nachmittag, um uns die Stadt anzusehen und die lokalen Geocaches zu heben. Am Abend, bereits im Dunkeln, startete das grösste Teilnehmerfeld mit 85 Gespannen auf die 400km Distanz. Das war eine sehr stimmungsvolle Angelegenheit, und erneut übertrug sich die Begeisterung der Hunde auf alle Zuschauer. Es ist unglaublich, mit welcher Euphorie diese Hunde an den Start gehen und bereit sind, bis zur totalen Erschöpfung zu laufen. Die Musher treiben sie nicht mal wirklich an und die Tierärzte müssen diese Schwerathleten wohl in erster Linie vor sich selbst schützen.

Nach einer herrlichen Nacht im Hotel erfuhren wir durch Zufall, dass die Jugendlichen bereits am Nachmittag im Ziel erwartet wurden. So konnten wir den Zieleinlauf bei schönem (kaltem) Wetter live miterleben. Jetzt wurde auch beim Ansehen der zweibeinigen Athleten klar, dass so ein Lauf sie ans Ende ihrer Kräfte bringt. Die Jugendlichen (fast ausschliesslich Mädchen) sind zwischen 15 und 18 Jahren alt und machen das als Hobby neben der Schule. Während des Laufes sind sie ganz allein auf sich gestellt. Dabei beweisen sie grosses Können und eine enorme mentale Stärke. Und die wird auch benötigt; 2015 musste das Rennen wegen Schneesturm abgebrochen werden. Die damals 15-jährige Hanna Lyrek, für die es das erste Schlittenhunderennen war, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den letzten Checkpunkt verlassen und musste sich nach 4 Stunden mit ihrem Gespann im Schnee eingraben um nicht zu erfrieren. Erst am nächsten Tag, nach weiteren 12 Stunden wurde sie von Suchmannschaften gefunden.

Das Jugendrennen hat uns enorm beeindruckt. Deshalb gibt es hier auch eine eigene Galerie von diesem Rennen.

Gut gemacht ist übrigens die Möglichkeit, alle Rennen auf einer digitalen Karte am Smartphone oder Tablet live zu verfolgen. Alle Fahrer haben GPS Transponder und werden live auf der Strecke angezeigt. Zusammen mit den Berichten von den Kontrollpunkten erhält man so ein recht gutes Bild vom Rennverlauf und den Geschehnissen auf der Strecke. Auf der Website des Femundløpet gibt es eine Menge professioneller Videos und Bilder von den Rennen der letzten Jahre.

Unsere eigenen Videos sind natuerlich laengst nicht so gut wie die Profi-Streifen. Wer sie trotzdem sehen mag, braucht nur den Links folgen:

Bilder aus der “Boxengasse”, von der Vorbereitung der Gespanne. Tipp: Ohrenschuetzer helfen!
Der Start des Rennens über 600 km
Die erste Kurve hat es in sich
Zielankunft der Jugendlichen nach 200 km und 25 Stunden

Viel zu schnell war unsere Zeit in Røros abgelaufen. Wir werden wohl nächstes Jahr wieder hinfahren. Denn der Femundløpet ist auf jeden Fall eine Reise wert!

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